Bibliotheken ohne den physischen Ort

Ein Plädoyer für die Gleichberechtigung des Digitalen

Als eine, die vor wenigen Monaten selbst noch Entscheidungen in Bibliotheken gefällt hat, sehe ich mit großem Mitgefühl, dass viele Bibliotheksdirektor*innen sich die Schließungen ihrer physischen Bibliotheksräumen wegen der Corona-Pandemie durchaus erkämpfen mussten. Und spüre ein Schaudern dabei, dass es offenbar irgendwo Vorbehalte gibt, Menschen in das Homeoffice zu schicken, die dort wenig oder gar nichts tun können, weil ihr Platz an Ausleih- oder Informationstheken ist, an denen derzeit aber eben auch wenig oder gar nichts zu tun ist. Das kann langfristig Folgen haben, was Motivation und Zusammenhalt innerhalb der einer Belegschaft angeht, wenn diese teilweise zu Hause arbeiten darf und teilweise erscheinen muss. Daneben wird die Krise aber auch andere, positive Folgen haben wie eine größere Selbstverständlichkeit für digitale Zusammenarbeit, Homeoffice und Vertrauen in verantwortungsvollen Umgang mit der Arbeitszeit.

Die Krise ist auch der Moment, um digitale Bestände und Dienste ins Zentrum zu stellen. Die Bibliotheken bemühen sich zu sagen, dass sie trotz Schließung erreichbar sind und weisen nachdrücklich auch auf ihre elektronischen Ressourcen hin. An dieser Kommunikation wird aber deutlich, wie sehr der physische Raum und die Dienstleistungen um das gedruckte Medium noch immer im Zentrum stehen. Dafür gab es auch in den vergangenen Jahren viel Unterstützung: Es ist relativ  einfach für Universitätsbibliotheken, Mittel für Öffnungszeiten oder Verschönerungen der Lernorte zu erhalten, und man ist zu Recht stolz auf das Erreichte. Die Schließungen von Lesesälen konfrontieren uns abber mit der Frage, inwieweit wir den digitalen Auskunftsdienst oder die Online-Version eines Lehrbuchs nicht vielleicht  immer noch eher als „zweitbeste Option“ sehen. Wenn Bibliotheken eine Rolle dabei spielen wollen, die Suche nach qualitätvollen und relevanten Informationen, die nachweislich im digitalen Raum beginnt, zu unterstützen, braucht es eine Gleichberechtigung von digitalen und physischen Orten und Diensten. Der digitale Raum darf nicht nur ein Nebenschauplatz zum Lernort Bibliothek sein – mit allen Folgen für Personal- und Budgetverteilung. Wohlgemerkt: Man kann sich auch dagegen entscheiden, den Ort und das gedruckte Medium im Zentrum lassen und in dem Rennen um das Angebot eigener, lokal relevanter Sucheinstiege und anderer Dienste nicht mitzulaufen– aber es sollte eben eine bewusste Entscheidung sein.

Was mir in diesen ersten Krisen-Tagen auch auffällt ist ein Boom für kuratierte Zusammenstellungen von Informationen – das viel beachtete Corona-Dashboard der Johns Hopkins Universität ist ein Beispiel, aber auch Verlage (egal ob wissenschaftliche oder Publikumsverlage) machen ähnliche Angebote. Till Kinstler hat auf der Mailingliste zum K10 plus Zentral in sehr klugen Worten daran erinnert, dass es viele Wege geben kann, wie man einer als physischen Ort geschlossenen Bibliothek Bedeutung geben kann, und u.a. an die Filterungsmöglichkeiten für E-Ressourcen in Discovery-Systemen erinnert. Ich denke, dass sorgfältig ausgewählte und kommentierte Zusammenstellungen von Literatur ein echter Mehrwert zu den reinen Suchtools wären, und dass Bibliothekar*innen eigentlich in idealer Weise dafür geeignet sind, diese Zusammenstellungen zu erarbeiten .

Daraus ergeben sich übrigens auch interessante Kooperationsmöglichkeiten mit den in den Bibliotheken noch relativ neuen „Leuten von den Forschungsdaten“, denn wir erleben derzeit alle, wie uns beim Verständnis der Pandemie Visualisierungen von großen Datenmengen helfen. Auf Github gibt es bereits kuratierte (!) Zusammenstellungen von Datensets zu COVID-19, die dafür vielleicht eine Inspiration sind.

Weil ich oben den digitalen Auskunftsdienst erwähnte: Die Thüringische Universitäts- und Landesbibliothek in Jena hat auf ihrer Website und ihrem Discovery-System kurzentschlossen einen Chat implementiert, und zwar unter Verwendung einer kostenlosen Lösung namens Tawk.to. Das scheint nach einem ersten Blick darauf so einfach zu sein, dass es mit normalen Kenntnissen in der Bedienung eines CMS zu erledigen ist. Gute Idee!

Für alle, denen die in der Stille des Homeoffice über gute Strategien für ihre digitalen Dienste nachdenken: Wir bei effective WEBWORK sind mit voller Kraft am Start, und wir haben ein offenes Ohr für Projektideen oder Beratung über gute Tools zur Zusammenarbeit im digitalen Raum.

Eine Antwort zu “Bibliotheken ohne den physischen Ort”

  1. HamburgerDeernS sagt:

    Moin aus dem – neuen – Homeoffice.

    Der Artikel spricht mir aus dem Herzen,wir waren bei uns in der Bibliothek auch nicht darauf vorbereitet. Dank eigener technischer Ausstattung klappt es gut, aber das Misstrauen durch die Vorgesetzten oder auch Kolleg*innen ist vorhanden und wird auch gerne in Mails durch die Wortwahl bzw. Anweisungen dokumentiert. Dieser Umstand ist für die persönliche Motivation eher negativ und abschreckend. Gespannt bin ich auf das Nachher, wird daraus gelernt oder machen wir einfach weiter wie vor der Krise?

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geschrieben von Anne Christensen


Anne Christensen hat Bibliotheks- und Informationswissenschaften studiert und über 20 Jahre Berufserfahrung als Bibliothekarin – u.a. als Leiterin von IT-Projekten an der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg und als Bibliotheksdirektorin an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie unterstützt Bibliotheken bei der Konzeption und Durchführung von Projekten sowie der strategischen Entwicklung.