Mehr als nur ein Suchschlitz

Ein Plädoyer für Browsing-Funktionalität in Discovery-Systemen

Das sichere Gefühl, mit nur einer oder zumindest wenigen Suchanfragen alles vermeintlich Wichtige zu finden - das ist die Messlatte, die Google für Suchwerkzeuge, auch bibliothekarische gelegt hat. Dabei waren doch gerade Bibliotheken besonderes findig darin, für unterschiedliche Informationsbedarfe auch unterschiedliche Sucheinstiege anzubieten. Für die Suche nach bekanntem Autor oder Titel den alphabetischen Katalog, für die sachliche Suche den Schlagwortkatalog, für den allerersten Einstieg den Referenz- oder Lesesaalbestand oder die Lehrbuchsammlung.

Es ist also wenig verwunderlich und auch ganz und gar zu Recht, dass Discovery-Systemen vorgeworfen wird, in der Hauptsache die alphabetische Suchfunktion nachgebaut,  aber die Feinheiten der thematischen Suche oder das Gefühl des Geleitet-Seins durch die Betrachtung einer kuratierten Sammlung nahzu unbeachtet gelassen zu haben. Vielleicht ist es nach einer Phase der relativen Konsolidierung der Discovery-Systeme nunmehr an der Zeit, diesen thematischen Sucheinstiegen mehr Beachtung zu schenken.

Browsing-Einstiege auf Grundlage von Systematiken gibt es bereits in einigen Discovery-Systemen. Die UB Braunschweig bietet einen Einstieg über ihre Lesesaal-Systematik an, bei der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig lassen sich Medien über eine ausdifferenzierte Besetzungssuche finden. Jenseits von Discovery-Systemen hat beispielsweise das KIM der Universität Konstanz bereits seit einigen Jahren ein "Hybrid Bookshelf" im Einsatz, mit dem sich sowohl die Regale als auch die digitalen Bestände an einem Touchscreen-Gerät im Benutzungsbereich erkunden lassen (kommerziell von Liberry vermarktet).


Mehr als nur ein Suchschlitz: Discovery-System mit Browsing-Einstieg

Was jedoch noch fehlt ist: Eine Integration der zahlreichen Listen in die Discovery-Systeme - also: Neuerwerbungslisten, Seminarapparate oder auch Empfehlungslisten aus Studiengangsbeschreibungen, von Lehrenden oder Fachreferent*innen. Diese Listen werden in der Regel in den herkömmlichen Bibliotheksmanagement-Systemen, auf Websites oder in Lernmanagementsystemen bereitgestellt. In einem Discovery-System könnten sie aber ihren Wert noch besser entfalten, indem beispielsweise aus der Gesamtmenge an Listen eigene Sucheinstiege für bestimmte Studienfächer generiert werden - oder die Titel im Ranking bevorzugt werden. Zusammen mit weiteren Empfehlungen, zum Beispiel für alternative Suchbegriffe und wichtige Zeitschriften aus dem Fachgebiet, könnten so sinnvolle Browsing-Einstiege entstehen, die die Fokussierung auf den Suchschlitz abmildert und das Community-Wissen um Literatur stärker in den Vordergrund rückt.

geschrieben von Anne Christensen

Anne Christensen hat Bibliotheks- und Informationswissenschaften studiert und über 20 Jahre Berufserfahrung als Bibliothekarin.
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