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Scheut Usability wie der Teufel das Weihwasser: Das Nokia N97 mini
28. Mai 2010: Dorina Gumm in Technik

Ein Smartphone sollte her – das war klar. Vorwiegend für die geschäftliche Nutzung gedacht, standen Telefonie, E-Mail-Nutzung und Browser im Vordergrund, gleich gefolgt von Möglichkeiten zur Navigation und für’s soziale Netzwerken.

Was sagen die anderen?

Smartphone-Höker und –Besitzer taten sich schwer, hierfür eine Empfehlung zu geben. Die einen leiten mich mit Verschwörermiene in den hinteren Teil des Ladens und hauchen, das Blackberry wäre hier Standard – aber im Ernst: Display und Knöpfchen erschienen mir auf Anhieb zu frickelig. Die anderen schwören auf’s iPhone und sagen: das macht Spaß, so soll ein Smartphone funktionieren. Aber Apple-Fans waren mir schon immer suspekt, da ziehe ich im Geiste gleich ein paar gehirngewaschene Begeisterungspunkte ab.

Dann gibt es noch einige wenige, die sich auf eine etwas sachlichere Diskussion einlassen: Da gäbe es die HTC-Phones, die alles können, was andere auch können, dafür nicht so teuer wie das iPhone seien und mit Windows Mobile laufen. Da gäbe es die Android-Smartphones, die aber immer an Google gekoppelt seien. Und eben Nokia mit Symbian: Das N 97 für den geschäftlichen Gebrauch sei gut geeignet, da es eine ausklappbare Tastatur sowie Geschäftsanwendungen vorinstalliert habe (insbesondere Reaer für Office- und PDF-Dateien). Runterladbare Apps… da gäbe es natürlich bei weitem nicht so viele wie für’s iPhone, aber einige 1000 seien das schon. Es gibt natürlich etliche weitere Hersteller und Geräte, aber wir wollen für diesen Bericht nicht übertreiben.

Okey, man steht also vor der Wahl: die heile Apple-Welt (ist mir suspekt), die Windows-Welt (Windows mit Startmenu etc. auf einem kleinen Smartphone fühlte sich einfach nicht gut an), die Google-Welt (ich weigere mich schon gegen google-Accounts und google Docs, kam also auch nicht in Frage), Blackberry (siehe oben) und Nokia (die ja eigentlich mal Vorreiter waren mit ihrem Communicator). Dann wohl Nokia, meine Wahl fiel auf das N97 mini.

Telefonieren mit Nokia

Naja, die Begeisterung wandelte sich in Enttäuschung. Usability scheut Nokia scheinbar wie der Teufel das Weihwasser.
Angefangen damit, dass Telefonieren wirklich umständlich sein kann. Zum Beispiel, wenn man in der Anrufliste einen Kontakt auswählt, man dann “Anrufen”, dann “Sprachanruf” (nicht “Videoanruf”) und dann nochmal die Nummer auswählen soll. Ich erwarte ja schon, dass sich das Telefon merkt, welche der Nummern ich gewählt hatte, zumal in der Anrufliste sogar das entsprechende Symbol angezeigt wird. Dass sich das Telefon anders verhält, wenn man auf den Hörer drückt, gut, kann man ahnen, aber sonst erwartet das Telefon auch überall einen Doppelklick.

Schreiben – Eine Vielfalt an Möglichkeiten

Das Schreiben verlang vom Besitzer auch einige Nerven. Die ausklappbare Tastatur ist, ein großes Lob an dieser Stelle, durchaus angenehm und trotz kleiner Tasten wesentlich weniger fehleranfällig als z.B. die virtuelle iPhone-Tastatur. Aber: Nicht immer will man das Gerät ausklappen. Schreibt man z.B. eine SMS, so muss man mit einem virtuellen Ziffern-Buchstabenblock vorlieb nehmen. Gut, kennt man von herkömmlichen Mobiltelefonen, aber ein Smartphone sollte da schon was Angenehmeres zu bieten haben. Doch nicht nur das: Will man etwas suchen, z.B. einen Namen in der Kontaktliste, gibt es wieder etwas anderes: aphabetisch geordnete Buchstabenreihen von A-M, weiterblättern, N-Z. Nicht sehr angenehm zu bedienen; ein Trostpflasterchen hier ist, dass nach Eingabe von Buchstaben die Auswahl einschränkt wird auf die Buchstaben, die im Weiteren Sinn machen.

E-Mails unterweg

E-Mails sind auf den ersten Blick unproblematisch: In den Einstellungen kann man sich mehrere Konten einrichten, man hat sogar große Flexibilität darin, wann überhaupt wie oft Mails abgerufen werden sollen: An welchen Tagen, in welchem Zeitfenster mit welcher Frequenz. Das finde ich sehr gut. Zusätzlich kann man sich auf dem Startbildschirm eine Art Mail-Vorschau für ein Konto einrichten, in der man die letzten 2 Mails sieht mit gekürztem Absender und Betreff sowie Uhrzeit. Auch sehr clever gelöst.

Doch auch hier gibt es Wehrmutstropfen. Ab und an möchte ich mal wieder reinen Tisch haben. Was liegt da näher, als alle Mails zu markieren (umständlich: Optionen, runterscrollen ->Markierungen->Alles markieren) und auf den Papierkorb zu klicken. Das Telefon fragt freundlicherweise, ob das Löschen nur auf dem Telefon oder auch auf dem Server erfolgen soll. Nur Telefon. Was macht das Telefon? Das Telefon gibt mir eine Meldung, die schneller verschwindet als ich sie lesen kann. Allein, gelöscht sind die Mails nicht – Oder nur nicht die Betreffszeilen? Aber mit welcher Logik?

Verloren im Dschungel der Unbenutzbarkeit

Ansonsten ist das Bedienen der Anwendungen – egal welche – spaßlos aufgrund von diversen Details in der Benutzung. Das scrollen funktioniert manchmal via Hoch- und Runterschieben des Inhalts, mal über Scrollbalken, mal geht beides. Zum Schließen einer Anwendungen muss man sich durch lange Options-Menus bewegen. Manche Programme schließen auch mit Druck auf den roten Hörer, andere nicht – und wenn man nicht aufpasst, hatt man – dank Multitasking –diverse offene, nicht gebrauchte Anwendungen, die Strom fressen. Dazu kommt, dass seit kurzem – trotz gegenteiliger Einstellung, das Telefon mir andauernd WLAN-Zugänge zur Auswahl anbietet, die andauernd weggeklickt werden wollen, und dass seit Beginn ein Briefumschlag ohne Unterlass blinkt um mir zu sagen, der SIM-Speicher sei voll. Was aber Unsinn ist, sowohl was die Nutzung dessen betrifft, als auch was das Programm sagt, das mir die Speicherauslastung diverser Speicherorte anzeigt.

Und die Apps… Doch, das ist spaßig. Mein angeblich auf geschäftliche Nutzung ausgerichtetes Telefon hat als vorinstallierte Applikationen: Friendster, VZ-Netzwerke, Elle ….Abgesehen davon ist der Ovi-Store enttäuschend. Die Anzahl der Apps relativiert sich ganz schnell, wenn mind. zwei Drittel nicht für das eigene Modell vorgesehen sind, vom Rest jeweils mehrere dem gleichen Zweck dienen und 99% der Apps wirklich schlechte Bewertungen haben. Schade.

Fazit

Ich könnte mich noch viele Beispiele nennen, vielleicht folgen noch welche bei anderer Gelegeneit, zum Beispiel zum Thema Navigation, das ja von Nokia heiß beworben wurde. Aber ich glaube, das Fazit ist schon deutlich geworden: Trotz einiger lobenswerten Ansätze ist dieses Smartphone einfach nicht empfehlenswert. Nach 3 Tagen hatte war klar: Wir werden keine Freunde, und auch nach mehreren Wochen Geduld und Toleranz hat sich meine Meinung nicht geändert.

Mit schwerem Herzen habe ich mich dann (bitte alle weghören und weglesen) doch (bitte Ohren zuhalten) für ein iPhone (ich hab’s nicht gesagt) entschieden. Was für ein (ich würde es niemals zugeben) Aha-Erlebnis. Wobei auch Apple nicht der Usability-Gott ist, selbst hier kann noch nachgebessert werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Kommentare zu diesem Eintrag (1)
Maria am 05. September 2010 um 12:54

sehr schön geschriebener Beitrag. Informativ und auch lustig geschrieben

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